Tag des Gedenkens an die Opfer des Massakers von Katyn
12. April 2026, Katyn-Museum, Warschau
Sehr geehrte Gäste, liebe Angehörige der Katyn-Familien,
heute möchte ich nicht zu stillem Nachdenken aufrufen. Heute müssen wir eine Warnung laut aussprechen, die in den letzten Jahren immer stärker in den Herzen der Katyn-Familien gewachsen ist: „Erinnerung ist nicht käuflich.“
Ein Teil von uns, der in der vergangenen Epoche aufgewachsen ist, erinnert sich noch gut an den Slogan: „Der April ist der Monat des nationalen Gedenkens“. Die offiziellen Gedenkveranstaltungen und schulischen Feiern jener Zeit erlebten wir als Bestandteil kommunistischer Propaganda, denn viele der damals „in Erinnerung gerufenen“ Ereignisse wurden verzerrt und verfälscht dargestellt – ebenso wie die Geschichtsbücher jener Jahre. Die wahren Lektionen verdankten wir unseren Familien und den verbotenen Publikationen.
Nach 1989 begann ein mühsamer Prozess der Wiedergewinnung der Erinnerung, insbesondere jener Erinnerung, die jahrzehntelang verdrängt worden war. Einer Erinnerung, die verfälscht worden war. Damals rief niemand: „Erinnerung ist nicht käuflich“, denn die Erinnerung gehörte uns allen – sie war unser wertvollster Besitz und wurde geschützt. Die Wahrheit über das Massaker von Katyn und die Wiederherstellung des Andenkens an seine Opfer, an unsere Angehörigen, gehörten zu den ersten Themen dieser zurückgewonnenen Geschichte.
Doch haben wir wirklich alle Aufgaben erfüllt? Je weiter die Ereignisse zurückliegen, an die wir erinnern sollen, desto schwieriger wird dies.
Künstliche Intelligenz zählt auf die Frage nach der Bedeutung von Erinnerung innerhalb von Sekunden verschiedene Formen, Inhalte und Eigenschaften des Gedächtnisses auf. Bemerkenswert ist, dass diese hilfreiche, zugleich aber bisweilen irreführende Begleiterin unseres Alltags in einem Atemzug sowohl die Erinnerung als menschliches Vermögen des Gedenkens und Erinnerns als auch den technischen Speicher eines Computers nennt, der zur Aufbewahrung von Daten dient. Letzterer ist zweifellos käuflich: Wir erwerben ihn ständig neu, damit unsere Computer und Telefone mit dem technologischen Fortschritt Schritt halten können.
Doch wie steht es um die Erinnerung an das Massaker von Katyn und seine Opfer?
Sie wird schwächer, weil auch wir, die Katyn-Familien, weniger werden. Noch bemühen wir uns: Wir sammeln weiterhin Daten, zeichnen Erinnerungen auf, digitalisieren Dokumente und Fotografien, um über neue Medien möglichst viele Menschen zu erreichen. Aber werden wir nicht in der Flut der Informationen untergehen? Wird unsere Erinnerung tatsächlich bewahrt bleiben, wenn wir nicht mehr da sind?
Seit vielen Jahren versammeln wir uns am Tag des Gedenkens an die Opfer des Massakers von Katyn hier im Katyn-Museum, weil wir diesen Ort als Heimat unserer Erinnerungsstücke gewählt haben. Den Kuratorinnen und Kuratoren haben wir unsere wertvollsten Familienzeugnisse anvertraut – Gegenstände, die die Zeit der Lüge über Katyn überdauert haben. Wir glauben, dass sie in gute und verantwortungsvolle Hände gelangt sind.
Doch längst nicht alles hat seinen Weg hierher gefunden. Mit wachsender Besorgnis beobachten wir, wie Erinnerungsstücke unserer Angehörigen verschwinden.
Auf Internetauktionen tauchen Gegenstände auf, die oftmals unter ungeklärten Umständen aus Familienbesitz verschwunden sind und nun auf dem Markt gehandelt werden. Während wir sagen: „Erinnerung ist nicht käuflich“, steigt der Auktionspreis – denn wir machen die Verkäufer erst darauf aufmerksam, dass diese vermeintlich wertlosen alten Dinge tatsächlich von großem Wert sind.
Manchmal sterben Angehörige kinderlos, und die Person, die ihren Nachlass ordnet, entsorgt schlichtweg, was zurückgeblieben ist. Das schlimmste Szenario sind Kisten voller Dokumente oder Alben mit vergilbten Fotografien, die auf dem Müll landen. Für immer verloren.
Es kommt auch vor, dass entfernte Erben, ohne Interesse an der Familiengeschichte oder ohne Kenntnis des Wertes historischer Quellen, unschätzbare Sammlungen für einen Bruchteil ihres tatsächlichen Wertes an ein Antiquariat verkaufen.
Die Föderation der Katyn-Familien startet deshalb ein Projekt, dessen Kernanliegen die Bewahrung unseres materiellen Erbes ist.
Wir möchten keinen Hass gegen Menschen schüren, die Erinnerungsstücke verkaufen. Oft geschieht dies aus Unwissenheit, durch Zufall oder weil die historische Bedeutung der Gegenstände nicht erkannt wird. Unser Ziel ist es, Verluste zu vermeiden und das Bewusstsein dafür zu stärken, dass der richtige Ort für solche Objekte Archive und das Katyn-Museum sind.
Neben den Relikten, die aus den Massengräbern von Katyn, Charkiw, Mednoje und Bykownja geborgen wurden, bilden diese Zeugnisse einen Teil jenes Vermächtnisses, das die Katyn-Familien dem Museum vor Jahren anvertraut haben. Wir hoffen, dass sie hier sicher aufbewahrt werden und niemals verstreut oder zerstört werden. Dazu haben wir das Museum verpflichtet.
Wir möchten erneut und mit noch größerer Reichweite vermitteln, welchen historischen Wert solche Erinnerungsstücke besitzen.
Ein Vorkriegsfoto mit Angaben zu den abgebildeten Personen, dem Ort und dem Datum ist manchmal das einzige erhaltene Porträt eines Opfers des Massakers von Katyn.
Ein Schulzeugnis, ein Universitätsdiplom oder ein berufliches beziehungsweise militärisches Ausbildungszeugnis erweitert unser Wissen darüber, wer diese Menschen waren.
Eine erhaltene militärische Auszeichnung dokumentiert ihre Teilnahme am Ersten Weltkrieg oder am Polnisch-Sowjetischen Krieg von 1920.
Ein datierter Brief aus Kozelsk ist ein unschätzbarer Beleg dafür, dass ein namentlich bekannter polnischer Kriegsgefangener sich zu einem bestimmten Zeitpunkt in diesem Sonderlager des NKWD befand.
Ein Telegramm aus Starobilsk bestätigt, dass ein geliebter Mensch dort noch im April 1940 lebte. Und wenn anschließend eine an das Lager adressierte Postkarte mit dem Vermerk „Empfänger unbekannt“ an die Familie zurückkehrte, dann ist dieser schreckliche Stempel selbst ein Beweis des Verbrechens. Er darf nicht in einem beliebigen Archiv oder in der Sammlung eines beliebigen Sammlers verschwinden.
Wir appellieren an die Katyn-Familien: Kümmert euch rechtzeitig um euer Erbe. Legt fest, wer sich künftig darum kümmern wird, und stellt sicher, dass diese Person weiß, wie damit umzugehen ist. Wenn es euer Wunsch ist, sollen die Erinnerungsstücke in den Familien bleiben. Wenn ihr jedoch einen sicheren Ort sucht, an dem Restauratorinnen und Restauratoren sie professionell betreuen, dann vertraut sie dem Katyn-Museum an.
Wir appellieren an die junge Generation: Wenn ihr bei Internetauktionen auf Erinnerungsstücke unserer Angehörigen stoßt – Dokumente, Fotografien, Auszeichnungen, Briefe oder Postkarten aus den Lagern –, informiert uns darüber. Wir ernennen euch zu Hütern der Erinnerung an die Opfer des Massakers von Katyn.
Wir appellieren an die Medien: Beachtet aufmerksam den Antiquitäten- und Sammlermarkt. Wenn die Zeitzeugen gehen, warten bereits Händler der Erinnerung auf ihr Erbe. Wir müssen dem entgegenwirken.
Erinnerung ist nicht käuflich.
Auf die Frage, was Erinnerung sei, fügte die künstliche Intelligenz schließlich hinzu: „Erinnerung wird häufig mit Identität und der Fähigkeit zu bewusstem Handeln verbunden.“ Aus menschlicher Neugier wollte ich wissen, ob die künstliche Intelligenz auch den Urheber des Satzes kennt: „Völker verlieren ihr Leben, wenn sie ihr Gedächtnis verlieren.“
Die Vielzahl unterschiedlicher Antworten überraschte mich. Da sie nicht mit meiner eigenen Erinnerung übereinstimmten, suchte ich weiter. Dabei stellte sich heraus, dass der Satz, der häufig dem Marschall Ferdinand Foch zugeschrieben wird, tatsächlich lautete: „Denn ein Mensch ohne Erinnerung ist ein Mensch ohne Leben. Und ein Volk ohne Erinnerung ist ein Volk ohne Zukunft.“ (Parce qu’un homme sans mémoire est un homme sans vie, un peuple sans mémoire est un peuple sans avenir.)
Dieser schöne Gedanke des Marschalls dreier Nationen schenkt Hoffnung. Er verbindet Erinnerung nicht mit Tod und Vergänglichkeit, sondern mit Zukunft. Genau in dieser Form sollten wir ihn bewahren.
Izabela Sariusz-Skąpska, Vorsitzende der Föderation der Katyn-Familien


